Artikelbeispiele

Umwertung aller Werte.
 
Die Wörter ‹Umwertung› und ‹umwerten› gab es im Deutschen ursprünglich nicht [1]. F. NIETZSCHE hatte also recht, als er die deutsche Wendung «U.a.W.» als «meine Formel» für sich in Anspruch nahm [2]. Bereits in der griechischen Antike jedoch wurde eine nahezu wörtlich entsprechende Wendung gebraucht, um eine Leitvorstellung des Kynismus (s.d.) auf eine griffige Formel zu bringen. In den biographischen Berichten über Diogenes von Sinope (5./4. Jh. v. Chr.) findet sich eine in mehreren Versionen überlieferte [3] Anekdote, in der es um das ‘Umprägen von Münzen’, also um Falschmünzerei, geht (Diogenes war der Sohn eines Falschmünzers bzw. beging selbst Falschmünzerei). Nach DIOGENES LAERTIOS soll das Delphische Orakel den Diogenes angewiesen haben, «die Münze umzuprägen» (παραχαράττειν τὸ νόμισμα) [4]. Dieser Anekdote wuchs eine philosophisch-programmatische Bedeutung zu, weil der (vielleicht in einer verlorenen Schrift des Diogenes in diesem Sinne gebrauchte [5]) Ausdruck νόμισμα doppeldeutig ist. Die Bedeutung von νόμισμα ist zum einen ‘Münze’, zum anderen aber ‘Satzung’, ‘Brauch’, ‘Konvention’. Die Formel konnte daher auf die un- bzw. antikonventionelle Lebensweise der Kyniker und auch die philosophische Infragestellung der Konvention bezogen werden: «Solches lehrte er [Diogenes] und handelte auch danach, indem er wirklich die Münze/die Konvention umprägte (ὄντως νόμισμα παραχαράττων) dadurch, daß er weniger Gewicht legte auf die Vorschriften des Gesetzes als auf die der Natur» [6]. Bestätigt und vertieft wird diese Lesart der Anekdote durch Kaiser JULIAN (‘Apostata’): Im Kern gehe es den Kynikern um die Korrektur «dessen, was die Masse für richtig hält» (τῶν πολλῶν δόξα) [7]. Auch im Hinblick auf die moralischen Werte, also auf das, was «böse (αἰσχρόν) oder gut (καλόν)» ist, pflege der Kyniker «über alle Bräuche/Konventionen (νομισμάτων) und über alle menschlichen Meinungen hinwegzusehen (ὑπεριδεῖν)» [8].
In der nachantiken Philosophie bleiben die von Diogenes Laertios überlieferte Formel und auch ihr moralphilosophisch-programmatischer Sinn geläufig. Worauf das παραχαράττειν, die kynische U., sich bezieht, war Handbuchwissen: «νόμισμα bezeichnet die Sitte (morem) und den hergebrachten Brauch (consuetudinem)» [9]. Die kynische Devise gilt als Imperativ des Nonkonformismus («ne suis point la coutume» [10]). Wo der Sache nach eine U. der Werte und der moralischen Leitvorstellungen vollzogen wurde, standen jedoch andere Formeln im Vordergrund, wie etwa B. de MANDEVILLES Motto «Private vices, publick benefits» [11]. Im Bewußtsein, damit die geläufigen Wertbegriffe radikal umzuprägen, schlägt B. SPINOZA, einer der wenigen, die Nietzsche als «Vorgänger» [12] anerkennt, vor, die geläufigen ethischen «Ausdrücke beizubehalten» («vocabula retinenda sunt») [13], aber ihre Bedeutung neu festzusetzen: So stehen in Spinozas Terminologie die Ausdrücke ‹gut› und ‹böse› nicht mehr für normative moralische Qualitäten, sondern für natürliche Eigenschaften («das, was unserer Selbsterhaltung förderlich oder schädlich ist») [14]. Der radikalste Umsturz der bisherigen moralischen Wertordnung, der vor Nietzsche propagiert wird, D.-A.-F. de SADES Apotheose der Ungerechtigkeit und der Grausamkeit, findet in verschiedenen Aufforderungen seinen Niederschlag, die herkömmlichen Tugenden als Laster und die sogenannten Laster als die Tugenden des «libertin» zu begreifen («la cruauté ... est une vertu et non pas un vice») [15], wird von ihm aber nicht mit einem griffigen Etikett versehen.
F. NIETZSCHE hat die Ausdrücke ‹U.a.W.› bzw. ‹Umkehrung der/aller Werte› erst in seinem Spätwerk verwendet. Allerdings bekennt er schon in einer mündlichen Äußerung aus den Jahren 1878/79, er folge der Devise, «es müsse nur ein Gegensatz zum Geltenden festgehalten werden. Alle neuen Lehren enthielten eine Umdrehung einer oder mehrerer alten» [16]. Die kynische Devise παραχαράττειν τὸ νόμισμα ist ihm sicher bekannt gewesen [17]. Auf seine Vertrautheit mit der Diogenes-Anekdote deutet die häufige Verwendung der Metapher «Falschmünzerei» in der Moral [18] hin; seine späte Schrift ‹Ecce homo›, das «Vorspiel der U. aller Werthe», charakterisiert er als «einen Cynismus, der welthistorisch werden wird» [19]. Auch seine Zeitgenossen haben diese Zusammenhänge nicht übersehen und polemisch von Nietzsches «Neo-Cynismus» [20] gesprochen. Nietzsche- Rezeption und -Exegese haben in der Folgezeit (bis hin zu M. HEIDEGGERS Interpretation der U.a.W. als metaphysik-geschichtliches Ereignis) eine Vielfalt von Deutungen hervorgebracht [21].
Bei NIETZSCHE selbst sind verschiedene Verwendungen der Formel zu unterscheiden [22]. Von einer ‹U.› der Werte spricht Nietzsche zum einen im Hinblick auf jenen historischen Prozeß, in dem die lebensverneinenden Werte der «Sklavenmoral» die Überhand gewannen über die lebensbejahenden Werte der «Herrenmoral» (s.d.). Diese U. fand ihren ersten Niederschlag bei den jüdischen Propheten, «die gegen die aristokratische Werthgleichung (gut = vornehm = mächtig ...) die Umkehrung gewagt ... haben, nämlich ‘die Elenden, ... Ohnmächtigen, Niedrigen sind allein die Guten ..., dagegen ihr, ihr Vornehmen und Gewaltigen, ihr seid in alle Ewigkeit die Bösen’» [23]; mit «dieser Umkehrung der Werthe ... beginnt der Sklaven-Aufstand in der Moral» [24]. Die ursprünglich «jüdische Umwerthung» der Werte vererbte sich auf das Christentum und lebt in den egalitären, demokratischen und sozialistischen Ideen der Moderne fort [25].
Zum anderen steht die Formel, die programmatisch als Untertitel seines nicht mehr ausgeführten Projektes ‹Der Wille zur Macht. Versuch einer Umwerthung aller Werthe› [26] auftaucht, für Nietzsches Vision einer künftigen Wertsetzung: Durch «eine U. der Werthe», die an die «Stelle der moralischen Werthe lauter naturalistische Werthe» setzt [27], soll der Sieg der lebensfeindlichen moralischen Werte und der ihnen entsprechenden «Verkleinerungs-Form des Menschen» rückgängig gemacht [28] und die Heraufkunft des «Übermenschen» (s.d.) ermöglicht werden. Dem geistigen Zusammenbruch nicht mehr fern, setzt Nietzsche schließlich für die «U. aller Werthe» ein Datum fest, das mit dem von ihm proklamierten «letzten» «Tag des Christenthums» zusammenfällt: den 30. September 1888 [29].

Anmerkungen
 
[1] GRIMM 11/II (1936) 1271 (Art. ‹Umwerfung›); das engl. ‹revaluation› ist dagegen bereits im 17. Jh. belegt; vgl. Oxford Engl. dict. 13, 810.
 
[2] F. NIETZSCHE: Ecce homo. Der Fall Wagner 4 [1888]. Krit. Ges.ausg., hg. G. COLLI/M. MONTINARI [KGA] (1967ff.) 6/3, 363.
 
[3] H. NIEHUES-PRÖBSTING: Der Kynismus des Diogenes und der Begriff des Zynismus (1979,
21988) bes. 55ff.
 
[4] DIOG. LAERT.: De vitis philos. VI, 20.
 
[5] P. von der MÜHLL: Interpr. biogr. Überlieferung (1966). Ausgew. kl. Schr. (Basel 1976) 351–358, 355.
 
[6] DIOG. LAERT. VI, 71; der Zitatschluß wohl ein Echo des sophist. Begriffspaares ‹Physis/Nomos› (s.d.).
 
[7] JULIAN: Orat. 7, 211 B/C; vgl. auch: Orat. 6, 188 A–C; vgl. D. KRUEGER: The bawdy and soc., in: R. BRACHT BRANHAM/M. O. GOULET-CAZÉ (Hg.): The Cynics (Berkeley u.a. 1996) 222–239, bes. 231f.
 
[8] JULIAN: Orat. 7, 225 D/226 A; 208 D; vgl. H. RAHN: Die Frömmigkeit der Kyniker, in: M. BILLERBECK (Hg.): Die Kyniker in der mod. Forsch. Aufsätze mit Einf. und Bibliogr. (Amsterdam 1991) 247f.
 
[9] J. BRUCKER: Hist. crit. philos. 1 (1742) 871.
 
[10] A. SAVERIEN: Hist. des philosophes anciens (Paris 1773) 3, 26.
 
[11] B. de MANDEVILLE: The fable of the bees or, private vices, publick benefits (1714); vgl. S. DANZIG: Drei Genealogien der Moral: B. de Mandeville, P. Rée und F. Nietzsche. Diss. Bern (Preßburg 1904).
 
[12] F. NIETZSCHE: Postkarte an F. Overbeck (30. 7. 1881). Krit. Ges.ausg. des Br.wechsels, hg. G. COLLI/M. MONTINARI (1975ff.) 3/1, 111.
 
[13] B. SPINOZA: Ethica 4, praef.
 
[14] a.O., prop. 8, dem.; zum Tugendbegriff: a.O., prop. 20.
 
[15] D.-A.-F. de SADE: La philos. dans le boudoir. Oeuvr. compl., hg. A. LE BRUN/J.-J. PAUVERT 8 (Paris 1987) 449.
 
[16] Gesprächsnotiz F. Overbecks; vgl. C. A. BERNOULLI: F. Overbeck und F. Nietzsche. Eine Freundschaft 1–2 (1908) 1, 241; vgl. den Abschn. ‹Nietzsches Denkweise als Umkehren›, in: M. HEIDEGGER: Nietzsche: Der Wille zur Macht als Kunst [WS 1936/37]. Ges.ausg. II/43, 35ff.
 
[17] C. P. JANZ: F. Nietzsche. Biogr. (1978) 2, 475. 599; vgl. J. BARNES: Nietzsche and Diog. Laert. Nietzsche-Stud. 15 (1986) 16–40.
 
[18] F. NIETZSCHE: Nachgel. Frg. Frühj. 1888 15[48]. KGA 8/3, 236; Zur Geneal. der Moral I, 13 (1887). KGA 6/2, 294.
 
[19] Br. an G. Brandes (20. 11. 1888), a.O. [12] 3/5, 482.
 
[20] L. STEIN: F. Nietzsche's Weltanschauung und ihre Gefahren (1893) 1–20, bes. 10f.; H. NIEHUES-PRÖBSTING: Der ‘Kurze Weg’: Nietzsches ‘Cynismus’. Arch. Begriffsgesch. 24 (1980) 103–122.
 
[21] M. HEIDEGGER: Nietzsches Lehre vom Willen zur Macht als Erkenntnis [SS 1939]. Ges.ausg. II/47 (1989) 25ff.; Nietzsche: Der europ. Nihilismus [2. Trim. 1940]. Ges.ausg. II/48 (1986) 16; Nietzsches Wort ‘Gott ist tot’ [1943], in: Holzwege (
51972) 214. 242; vgl. K. LÖWITH: Nietzsches Philos. der ewigen Wiederkehr des Gleichen (1935, 31978) 222f.; zur Rezeption in der NS-Ideologie vgl. A. ROSENBERG: Der Mythus des 20. Jh. (1930, 61942) 284.
 
[22] TH. H. BROBJER: On the revaluation of values. Nietzsche-Stud. 25 (1996) 342–348.
 
[23] F. NIETZSCHE: Zur Geneal. ... I, 7, a.O. [18] 281; vgl. auch: I, 13, a.O. 292ff. sowie Art. ‹Vornehm›.
 
[24] Jenseits von Gut und Böse V, 195 (1886). KGA 6/2, 119; vgl. D. FRANCK: De priesterlijke ‘Umwerthung’. Tijdschr. Filosofie 61 (1999) 63–96.
 
[25] Zur Geneal. ... I, 7, a.O. 281f.
 
[26] Nachgel. Frg. (Sommer 1886) 2[100]. KGA 8/1, 107; (August 1888), a.O. 252.
 
[27] Nachgel. Frg. (Herbst 1887) 9[8]. KGA 8/2, 6.
 
[28] Jenseits ... V, 203, a.O. [24] 128.
 
[29] Der Antichrist (1888). KGA 6/3, 251f.

Literaturhinweise
 
G. de HUSZAR: Nietzsche's theory of decadence and the transvaluation of all values. J. Hist. Ideas 6 (1945) 259–272. – U. DONZELLI: Del
παραχαράττειν τὸ νόμισμα. Siculorum Gymnasium 11 (1958) 96–107. – PH. FOOT: Nietzsche: The transvaluation of values, in: Virtues and vices (Oxford 1978) 81–95. – O. M. SCHUTTE: Nietzsche's transvaluation of values. Diss. Yale Univ. (New Haven 1978, ND Ann Arbor/London 1979). – H. NIEHUES-PRÖBSTING s. Anm. [3] bes. 79–96. – M. BILLERBECK (Hg.) s. Anm. [8]. – E. E. SLEINIS: Nietzsche's revaluation of values (Urbana/Chicago 1994). – R. BRACHT BRANHAM: Defacing the currency: Diogenes' rhetoric and the invention of Cynicism, in: BRACHT BRANHAM/GOULET-CAZÉ (Hg.) s. Anm. [7] 80–104. – H. NIEHUES-PRÖBSTING: The mod. reception of Cynicism: Diogenes in the Enlightenment, a.O. 329–365, bes. 353–363. – TH. H. BROBJER s. Anm. [22]. – D. FRANCK s. Anm. [24].

W. SCHRÖDER

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