Artikelbeispiele

Gottesbeweis, ontologischer.
 
Dieser zuerst von ANSELM VON CANTERBURY geführte und von KANT als «ontologischer» bezeichnete Gottesbeweis ( s.d. II, 3 c) ist in neuerer Zeit vor allem von logischer Seite kritisiert worden. Diese Kritik erstreckt sich auf zwei mögliche Interpretationen:
1. Im Anschluß an KANT [1] ist betont worden, daß ‹Existenz› kein Prädikat ist, das durch bloße Begriffsanalyse als Merkmal des analysierten Begriffs aufweisbar ist. Eine logische Präzisierung dieser Einsicht Kants hat FREGE mit Hilfe seiner Unterscheidung von Begriffen erster und zweiter Stufe vorgenommen [2]. Danach geben Begriffe erster Stufe Eigenschaften derjenigen Gegenstände an, die unter die entsprechenden Begriffe erster Stufe fallen. Begriffe zweiter Stufe geben Eigenschaften derjenigen Begriffe erster Stufe an, die in die entsprechenden Begriffe zweiter Stufe fallen. Als Beispielsätze mögen betrachtet werden: (1) «Julius Cäsar ist ein Mensch» und (2) «Menschen existieren». In (1) wird ausgesagt, daß der Gegenstand, der durch den Eigennamen ‹Julius Cäsar› bezeichnet wird, die Eigenschaft hat, ein Mensch zu sein. ‹Mensch› bedeutet einen Begriff erster Stufe. In (2) wird ausgesagt, daß der Begriff (erster Stufe) ‹Mensch› die Eigenschaft hat, nicht leer zu sein (d.h., daß es Gegenstände gibt, die unter ihn fallen). ‹Existenz› ist hier ein Begriff zweiter Stufe. Frege ist darüber hinaus so weit gegangen, ‹Existenz› nur als Begriff zweiter Stufe zuzulassen und Aussagen der Art «Es gibt Julius Cäsar» für unsinnig zu halten [3]. Diese Auffassung kann hier unberücksichtigt bleiben. Entscheidend für die Widerlegung des o. G. ist, daß die Existenzaussage von einem Begriff in der angegebenen Weise zu analysieren ist. Aufgrunddieser Analyse ist nämlich eine Existenzaussage von einem Begriff eine Aussage über den Begriff. Das Prädikat dieser Aussage kann deshalb schon aus logischen Gründen gar nicht zu den Merkmalen (dem «Inhalt») des entsprechenden Begriffs gehören und damit auch unmöglich durch Begriffsanalyse gewonnen werden. Diese Widerlegung des o. G. geht davon aus, daß der Beweis in einer Analyse des Begriffs «etwas worüber Größeres nicht gedacht werden kann» besteht. Der Ausgangspunkt des Anselmischen Beweises wird dabei interpretiert als der Glaube an den Satz: «Gott ε etwas, worüber Größeres nicht gedacht werden kann». In dieser Formulierung ist ‹Gott› als Eigenname zu verstehen, ‹ε› als Kopula und ‹etwas, worüber Größeres nicht gedacht werden kann› als Begriff erster Stufe. (Heute würde man ‹prädikativer Ausdruck› statt ‹Begriff› sagen.) H. SCHOLZ hat zu Recht darauf hingewiesen, daß bei dieser Interpretation der Beweis, selbst wenn er gelungen wäre, noch unvollständig wäre, da außer der Existenz auch die Eindeutigkeit zu zeigen ist, nämlich daß es höchstens ein Wesen gibt, worüber Größeres nicht gedacht werden kann [4].
2. Unter Berücksichtigung der Tatsache, daß Anselm neben Formulierungen mit «aliquid quo maius ...» Formulierungen mit «id quo maius ...» verwendet, hat SCHOLZ den Ausgangspunkt des Anselmischen Beweises rekonstruiert als den Glauben an den Satz: «Deus = Df id quo maius cogitari non potest» (Gott = Df dasjenige, worüber Größeres nicht gedacht werden kann) [5]. Diese Interpretation ist, obwohl heute üblich, keineswegs so eindeutig der ersten Interpretation vorzuziehen, wie Scholz zu meinen scheint [6], da auch die Formulierungen mit «aliquid quo maius ...» an wichtigen Stellen, z.B. am Schluß des 2. Kap. des ‹Proslogion›, vorkommen. Erwähnt sei noch, daß eine Variante der zweiten Interpretation die obige Gleichung nicht als Definitionsgleichung, sondern als Behauptung einer Gleichung versteht [7]. Der wesentliche Unterschied der zweiten zur ersten Interpretation besteht im Gebrauch des Gleichheitszeichens statt der Kopula und vor allem darin, daß die rechte Seite der Gleichung aus einer Kennzeichnung besteht. Dies bedeutet, daß zur Verwendung der genannten Definitionsgleichung in einem Beweis gesichert sein muß, daß das Definiens den an Kennzeichnungen zu stellenden Bedingungen genügt. Hier gibt es zwei Auffassungen [8], die von FREGE/STRAWSON und die von MILL/RUSSELL. Nach der ersten setzt die Verwendung von Kennzeichnungen (in nicht-fiktionaler Rede) voraus, daß es genau einen Gegenstand gibt, dem der in der Kennzeichnung enthaltene Prädikator zukommt. Nach der zweiten Auffassung wird diese eindeutige Existenz mitbehauptet. Nach beiden Auffassungen setzt somit der Anselmische Beweis das zu Beweisende schon voraus.

Anmerkungen
 
[1] KANT, KrV B 620ff.
 
[2] G. FREGE: Über Begriff und Gegenstand. Vjschr. wiss. Philos. 16 (1892) 192–205, bes. 200f.
 
[3] a.a.O. 200.
 
[4] H. SCHOLZ: Der Anselmische Gottesbeweis, in: Mathesis Universalis, hg. H. HERMES u.a. (1961,
21969) 62–74, bes. 64 Anm. 7.
 
[5] a.a.O. 65.
 
[6] 64 Anm. 7.
 
[7] Vgl. z.B. W. E. MANN: Definite descriptions and the ontological argument. Theoria 33 (1967) 211–229.
 
[8] Vgl. Art. ‹Kennzeichnung›.

Literaturhinweise
 
J. HICK und A. C. MCGILL (Hg.): The many-faced argument. Recent stud. on the ontological argument for the existence of God (London 1968). – A. PLANTINGA (Hg.): The ontological argument (London 1968). – H. SCHOLZ s. Anm. [4].

G. GABRIEL

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