Artikelbeispiele

Witz (lat. ingenium; engl. wit; frz. esprit).
 
Das Wort ‹W.› gehört ursprünglich zum Wortfeld ‹Wissen› und meint insbesondere das Vermögen des Verstandes. Einbezogen ist dabei der lebenspraktische Aspekt der Klugheit [1]. Erhalten hat sich diese Bedeutung in Ausdrücken wie ‹Mutterwitz› und ‹Aberwitz›. In diesem Sinne kann jemand W. ‘haben’, oder es kann ihm an W. ‘fehlen’. Einen späten Beleg für diese Verwendung gibt E. DU BOIS-REYMOND, wenn er mit Blick auf die Naturerkenntnis von einer «Grenze unseres W.» spricht [2]. Das heute verbreitete Verständnis des W. als Textgattung [3], für die ursprünglich die Bezeichnung ‹Scherz› üblich war, ist eine späte Entwicklung, die sich erst im 19. Jh. durchsetzt. Der Zusammenhang ergibt sich dadurch, daß die Scherze oder W.e als Produkte des W. gelten – so bei G. F. MEIER, der aber noch abgrenzend betont: «Es kan jemand sehr vielen W. in seinen Reden blicken lassen, er kan die artigsten Einfälle vortragen, darüber sich seine Zuhörer in einem hohen Grade belustigen, und man wird deswegen nicht sagen können, daß er schertze» [4].
Die Einengung des Begriffs und die Gleichsetzung von ‹W.› und ‹Scherz› ließ die philosophisch relevante Begriffsgeschichte in Vergessenheit geraten. Diese schreibt in der Zeit der Aufklärung die Geschichte von ‹Ingenium› (s.d.) fort und stellt den W. in den Kontext von ‹Invention› [5] und ‹Genie› (s.d.). Der W. wird dabei meistens als das Vermögen zur Entdeckung von Ähnlichkeiten bestimmt und von dem Scharfsinn (s.d.) als dem Vermögen zur Feststellung von Verschiedenheiten abgehoben. Teilweise wird er aber auch, der spanischen und italienischen Tradition der ‹agudeza› bzw. ‹acutezza› Rechnung tragend, mit dem Scharfsinn verbunden gedacht. Die Begriffsgeschichte von ‹W.› beginnt im deutschen Sprachraum damit, daß CH. WOLFF den Ausdruck als Übersetzung für den lateinischen Terminus ‹ingenium› verwendet. Dabei folgt er der älteren englischen Tradition, in der ‹wit› bereits seit der zweiten Hälfte des 16. Jh. als Übersetzung für ‹ingenium› gebräuchlich wird [6].
Anders als der deutsche Rationalismus betont die englische empiristische Tradition von Anfang an stärker die literarisch-ästhetische Komponente der Phantasie (Einbildungskraft) und steht damit dem französischen Verständnis von ‹esprit› als eher künstlerischem Vermögen näher. Englisch ‹wit› wird, der lateinischen Tradition von ‹ingenium› folgend, vornehmlich in der Rhetorik verortet. Im Gefolge der sich vollziehenden Trennung von Logik und Rhetorik hat dies negative Konsequenzen für die Beurteilung des W. als Erkenntnisvermögen, die mit einer Verschiebung der Bedeutung von ‘Verstand’ zu ‘Einbildungskraft’ einhergehen. ‘Spielerischer’ W. der Einbildungskraft [7] und ‘gesunder’ Verstand als Urteilskraft (s.d.) werden zu Gegensätzen. Diese Entwicklung, die sich bei TH. HOBBES andeutet, ist bei J. LOCKE bereits vollzogen. So steht ‹W.› bei HOBBES teilweise noch als Oberbegriff für die poetisch-rhetorische Einbildungskraft («fancy»), «from whence proceed those grateful similies, metaphors, and other tropes», und den logisch-unterscheidenden Verstand («judgment»): «both fancy and judgment are commonly comprehended under the name of wit, which seemeth to be a tenuity and agility of spirits» [8]. Die Klammer bildet dabei das Verständnis, daß der W. ganz allgemein Vergleiche ermögliche und dabei sowohl Ähnlichkeiten als auch Verschiedenheiten ausmache. Später unterscheidet Hobbes einen weiteren von einem engeren Gebrauch von ‹wit›. Danach ist «good wit» zum einen der Inbegriff intellektueller Vorzüge («intellectual virtues») überhaupt und zum anderen identisch mit der Einbildungskraft («good fancy»), die dann dem unterscheidenden Scharfsinn («good judgment») gegenübergestellt wird. Während der bloße W., «fancy, without the help of judgment», keinen Vorzug darstelle, sondern im Übermaß sogar eine Form des Wahnsinns («kind of madness», nämlich als assoziative Ideenflucht) sei, komme der Scharfsinn auch ohne Einbildungskraft aus [9]. Im Sinne des weiten Begriffs von W. als Oberbegriff aller intellektuellen Vorzüge kann Hobbes dann normativ bestimmen: «Judgment therefore without fancy is wit, but fancy without judgment, not» [10].
Die Forderung, den W. durch den Scharfsinn kontrollieren zu lassen, geht auf QUINTILIANS Auffassung des Verhältnisses von ‹ingenium› und ‹iudicium› zurück [11]. Sie wird von deutschen Autoren bis hin zu Kant übernommen. Gleichwohl konstatiert bereits HOBBES die faktische Tendenz, einzig die Einbildungskraft zum Kern des W. zu erklären: «For men more generally affect and admire fancy than they do either judgment, or reason, or memory, or any other intellectual virtue, and for the pleasantness of it, give to it alone the name of wit, accounting reason and judgment but for dull entertainment» [12]. LOCKE zieht hieraus die Konsequenz, den W. einseitig der Einbildungskraft zuzuweisen. Seine Hobbes folgende Gegenüberstellung von Ähnlichkeiten bemerkendem «wit» und Unterschiede suchendem «judgment» nimmt zwar die spätere deutsche Unterscheidung von ‹W.› und ‹Scharfsinn› vorweg, wertet den W. aber erkenntnistheoretisch ab. Locke geht so weit zu behaupten, daß ein Reichtum an W. häufig geradezu mit einem Mangel an Scharfsinn («judgment») einhergehe: «for wit lying most in the assemblage of ideas, and putting those together with quickness and variety, wherein can be found any resemblance or congruity, thereby to make up pleasant pictures and agreeable visions in the fancy» [13]. Indem Locke den W. schließlich als Vermögen des bildlichen und sprachspielerischen Ausdrucks («figurative speeches and allusion in language»), also des poetisch-rhetorischen Redeschmucks («ornatus»), charakterisiert, billigt er ihm allenfalls einen Unterhaltungswert zu. Außerhalb dieses Kontextes beurteilt er die bildliche Rede als «abuse of language»; demgemäß fällt der W. in seiner Zuordnung zur Rhetorik dem Verdacht anheim, ein Vermögen des Irrtums und der Täuschung («error and deceit») zu sein [14]. Demgegenüber verteidigt insbesondere A. POPE den Erkenntniswert des W., den er in erneuertem Anschluß an Quintilian in die Tradition der Inventio stellt und in ein komplementäres Verhältnis zum Scharfsinn rückt: «For Wit and Judgement often are at strife, Tho’ meant each other’s Aid, like Man and Wife» [15].
CH. WOLFF bestimmt den W. wie Locke als «Leichtigkeit die Aehnlichkeiten wahrzunehmen». Er wertet ihn aber positiv als inventives Erkenntnisvermögen, indem er betont, daß «zum Erfinden» außer «der Kunst zu schliessen» auch W. gehöre [16]. Voraussetzungen des W. sind «Scharfsinnigkeit», Verborgenes «deutlich» vorzustellen, «Einbildungskraft», Neues vorzustellen, und «Gedächtnis», viel zu «behalten» und sich leicht darauf zu «besinnen» [17]. Während Wolff den Scharfsinn noch zur Bedingung des W. macht, stellt der Wolff-Schüler A. G. BAUMGARTEN beide Vermögen einander gegenüber. Danach läßt der «W. in engerer Bedeutung» («ingenium strictius dictum») Ähnlichkeiten im Verschiedenen, der Scharfsinn oder die «Scharfsinnigkeit» («acumen») Verschiedenheiten im Ähnlichen erkennen [18]. Die Verbindung beider Vermögen, den scharfsinnigen W. («acutum ingenium»), bestimmt Baumgarten als «perspicacia», als «artige oder feine Einsicht» in Zusammenhänge. Die Betonung der Unabhängigkeit des W. vom Scharfsinn steht bei Baumgarten in Verbindung mit seinem Bemühen, die Ästhetik als gleichberechtigte ‘Schwester’-Disziplin der Logik zu etablieren.
Während der W. bei Wolff so weit gefaßt wird, daß er nicht nur der «Rednerkunst» und «Poesie», sondern auch der «Kunst zu erfinden», also der Heuristik oder «ars inveniendi» der wissenschaftlichen Erkenntnis, zugute kommt [19], hebt J. CH. GOTTSCHED besonders die Beziehung zur Dichtkunst hervor, indem er den «lebhaften W.» als Erklärung für das «Göttliche in der Poesie», das Horazische «ingenium et mens divinior», anführt [20]; «der W. oder der Geist» sei es, der «die poetische Art zu denken von der prosaischen unterscheidet». Allerdings vergißt auch Gottsched nicht, die Verbindung von Scharfsinnigkeit, Gedächtnis und Einbildungskraft als notwendige Bedingung des W. anzuführen. Nur wenn der Scharfsinn die unterschiedlichsten Eigenschaften einer Sache wahrgenommen und das Gedächtnis sie bewahrt hat, verfügt die Einbildungskraft über eine «Menge von Gedanken», die sie im Blick auf «nur die geringste Aehnlichkeit» mit neuen Sachen wieder hervorbringen kann [21].
Mit der Gleichsetzung von ‹W.› und ‹Geist› sowie der zusammenfassenden Charakterisierung des W. als Vermögen der dichterischen «Einfälle» [22] stellt Gottsched die Verbindung zur französischen Tradition von ‹esprit› her, die durch CH. WERNICKES Übersetzung von ‹esprit› als ‹W.› angeregt wurde [23]. Wernicke selbst reagiert dabei auf D. BOUHOURS, der die Frage aufgeworfen hatte, ob ein Deutscher auch «bel esprit» (s.d.) haben könne [24]. Der ursprüngliche Zusammenhang zwischen W. und verstandesmäßiger Klugheit wird bereits bei WERNICKE gelöst. In seinem Kommentar zu einem Epigramm mit der charakteristischen Überschrift ‹Ingeniosa necessitas› und der Schlußzeile «Denn W. macht selten klug, die Tugend selten reich» rechtfertigt er die Abweichung von dem noch gegenwärtigen älteren Sprachgebrauch (im Sinne verstandesmäßiger Klugheit): «Der W. bestehet in einer gewissen Hitze und Lebhaftigkeit des Gehirns, welche der Klugheit zuwider ist, indem dieselbe langsam und bedachtsam zu Werck gehet» [25]. Die polemische Frage BOUHOURS’ bewegt die deutschen Gemüter von Thomasius bis Lessing. Während CH. THOMASIUS einen Menschen mit «bel esprit» dahingehend charakterisiert, daß er ein «verständiger ... Kopff» sei [26], und für ‹esprit› noch ‹Geist› verwendet [27], übersetzt GOTTSCHED ‹esprit› mit ‹W.› [28]. Auffällig ist, daß Gottsched in seiner Zurückweisung der «Lästersucht und Eitelkeit, die den Franzosen besonders eigen sind», neben Werken deutscher «Poeten und Redner» (der lateinischen Sprache) insbesondere «Erfindungen des deutschen W.», wie die Buchdruckerei, und «Entdeckungen», wie die elliptische Gestalt der Planetenbahnen, als Belege anführt, also Exempel technischer und wissenschaftlicher Inventio [29].
Für die Terminologiegeschichte bedeutsam ist der Umstand, daß Gottsched den Ausdruck ‹Genie› als Ersatz für ‹W.› ablehnt, dabei aber betont: «Wir sind nur wider das Wort, und nicht wider die Sache; die sonst das kluge Deutschland durch Geist und W. auszudrücken pflegte, welche schönen Wörter man itzo, vor dem lieben Genie, unter das alte Eisen werfen will» [30]. Den Anlaß gab die u.a. von F. G. KLOPSTOCK vorgenommene Entgegensetzung von ‹Genie› und ‹W.›, nach der letzterer lediglich für den Redeschmuck zuständig ist: «Die höhere Poesie ist ein Werk des Genies; und sie soll nur selten einige Züge des W., zum Ausmalen, anwenden» [31]. Dabei gesteht Klopstock durchaus zu, daß es «Werke des W.» gebe, die «Meisterstücke» sind [32]. Gleichwohl führt die Unterscheidung zwischen ‹bloßem› W. und wahrem Genie zumindest in der Dichtungstheorie zu einer Abwertung des W. Im Unterschied zum Genie, so G. E. LESSING, gehe der W. «nicht auf das ineinander Gegründete», sondern stelle nur assoziativ verwirrende Verbindungen zwischen zusammenhanglosen Begebenheiten her [33]. Demgemäß formuliert er pointiert – und nicht ohne W.: «das Genie liebt Einfalt; der W., Verwicklung» [34]. Lessing dient die Unterscheidung auch zur Abwehr des französischen Einflusses in der deutschen Literatur. Unabhängig davon wird in der nachfolgenden Genie-Debatte auf sie häufig zurückgegriffen. So betont noch J. W. GOETHE, daß nur der Dilettant glaube, «mit dem W. an die Poesie zu reichen» [35], und F. SCHILLER gibt die Begründung: «Denn der W. hat mit dem Schönen / Mit dem Hohen nichts gemein!» [36]
I. KANT folgt in seiner Auffassung des W., die er vornehmlich in der ‹Anthropologie› mit Bezug auf die ‹Psychologia empirica› seiner rationalistischen Vorgänger entwickelt, eher Wolff als Baumgarten. Indem er ‹W.› und ‹Scharfsinn› nicht einander gegenüberstellt, sondern das Bemerken von «kleinsten Ähnlichkeiten oder Unähnlichkeiten» zusammengenommen als Scharfsinn bestimmt, gilt wie bei Wolff: «die Scharfsinnigkeit ... kommt auch dem Witze zu» [37]. Überdies bildet Kant das Gegensatzpaar ‹W.› und ‹Urteilskraft› und schließt sich damit terminologisch der englischen Unterscheidung zwischen ‹wit› und ‹judgment› an: «So wie das Vermögen zum Allgemeinen (der Regel) das Besondere auszufinden Urtheilskraft, so ist dasjenige zum Besondern das Allgemeine auszudenken der W. (ingenium)» [38]. Damit entspricht das Verhältnis zwischen Urteilskraft und W. (in der ‹Anthropologie›) demjenigen zwischen bestimmender und reflektierender Urteilskraft (in der KU); die reflektierende Urteilskraft ist das transzendentalphilosophische Substitut des W. [39]. Wie schon Locke begegnet Kant dem W. mit ambivalentem Mißtrauen. Einerseits gesteht er zu: «Es ist angenehm, beliebt und aufmunternd, Ähnlichkeiten unter ungleichartigen Dingen aufzufinden und so, was der W. thut, für den Verstand Stoff zu geben, um seine Begriffe allgemein zu machen» [40]. Andererseits gibt er zu bedenken: «W. hascht nach Einfällen; Urtheilskraft strebt nach Einsichten» [41]. Den unkontrollierten, leichten W. sieht Kant in der Gefahr der Seichtigkeit, für die Bonmots und Wortspiele als Beispiele angeführt werden. Wem es an W. mangele, der sei zwar «der stumpfe Kopf (obtusum caput)», er könne aber, «wo es auf Verstand und Vernunft ankommt, ein sehr guter Kopf sein; nur muß man ihm nicht zumuthen, den Poeten zu spielen». Umgekehrt ist der W. ohne Urteilskraft aber nichts als «Albernheit» [42]. Letztlich geht es auch Kant – wie bereits Baumgarten – um ein ausgewogenes Verhältnis von W. und Scharfsinn (bzw. Urteilskraft) in der «perspicacia» [43].
In der Jenaer Frühromantik und deren Konzeption einer «Universalpoesie» (s.d.) als einer Einheitswissenschaft von Kunst, Wissenschaft und Philosophie aus dem Geiste der Poesie kommt dem W. eine programmatische Schlüsselfunktion zu, die F. SCHLEGEL so faßt: «Alles ist W. und überall ist W.» [44]. Das Verhältnis von Verstand und Einbildungskraft ist hier zugunsten der letzteren verschoben. Der W. ist vom «Finder» (so G. CH. LICHTENBERG) [45] im Sinne der objektbezogenen Ars inveniendi zu einem Erfinder im Sinne der Imaginatio geworden. Die Ähnlichkeiten werden nicht gefunden, sondern gemacht: «Der W. ist schöpferisch – er macht Ähnlichkeiten», heißt es bei NOVALIS [46]. Dieses schöpferische Moment der Herstellung von assoziativen Beziehungen unterstreicht JEAN PAUL mit seiner Bemerkung, der W. sei «der verkleidete Priester, der jedes Paar kopuliert» [47]. Im Gefolge dieser Zuspitzung des W. auf den witzigen Einfall (s.d.), die Pointe [48], vollzieht sich der Übergang zum W. als Scherz. In diesem Sinne bestimmt K. FISCHER den W. als «spielendes Urtheil», das einen «komischen Contrast» erzeugt, indem es «überraschende Verbindungen» herstellt, die Unvereinbares vereinbaren [49].
Auf dieses Verständnis bezieht sich noch S. FREUD, dessen Interesse in psychoanalytischer Absicht vor allem dem «tendenziösen» W. aggressiver oder libidinöser Art gilt [50]. Die Funktion dieses W. bestehe darin, durch die «Beseitigung von Hemmungen» Lust auszulösen, die sich dann im befreienden Lachen äußert [51]. In seinen Analysen greift Freud auf die traditionelle Lehre von den Seelenvermögen zurück (er selbst spricht von «seelischen Dispositionen» [52]), wenn er den W. allgemein als Fertigkeit charakterisiert, «Ähnlichkeiten zwischen Unähnlichem, also versteckte Ähnlichkeiten zu finden» [53]. Die «Eignung zur witzigen Produktion» weist Freud dem «Unbewußten» zu [54], einer Region, die im Rationalismus der ‘dunklen’ und ‘verworrenen’ Erkenntnis vorbehalten war [55]. Charakteristisch für die seelische «Witzarbeit» sind nach Freud die Mechanismen der Verschiebung (s.d.), Verdichtung und der indirekten Darstellung.
Das methodologische Verständnis des W. im Sinne eines Vermögens der Erkenntnisheuristik, die den Bereich der wissenschaftlichen Forschung einbezieht, bleibt auch noch im 19. Jh. in der Kant-Tradition erhalten. Insbesondere J. F. FRIES hat diese Deutung in seiner Kritik an Reinhold, Fichte und Schelling artikuliert, mit der er vor allem die romantische Naturphilosophie trifft. Fries unterscheidet geradezu «Philosophen des W.» und «Philosophen des Scharfsinns» danach, ob sie das Aufsuchen von Ähnlichkeiten oder von Unterschieden in den Mittelpunkt ihrer Methode stellen [56]. Er selbst stellt sich auf die Seite des Scharfsinns, gilt ihm dieser doch «für die Ausbildung der Wissenschaften weit mehr als die witzige Vergleichung, die sich in Geschichte und Naturlehre nur mit oberflächlichem Geschwätz hören läßt» [57]. Letztlich gesteht Fries aber zu, daß auch der Scharfsinn ohne W. «kleinlich», also spitzfindig, sei und fordert, beide dürften «nie ohne einander seyn» [58]. Wenn Fries dem Scharfsinn den Vorrang einräumt, so geschieht dies eher in Abwehr der Überbetonung des W. durch die Romantiker, deren gesellige W.-Kultur auch G. W. F. HEGEL als «Willkür und Subjektivität bloßer Einfälle» kritisiert hat [59]. Mit deutlichem Zeitbezug bemerkt FRIES: «Dürre Unterscheidungskunst verdarb uns so oft die Wissenschaft, verwilderte Witzspiele aber die Dichtung und die Wissenschaft zusammen» [60]. Kant folgend, ordnet er W. und Scharfsinn der reflektierenden Urteilskraft zu, deren Tätigkeit gerade «im Vergleichen und Unterscheiden» liege [61]. J. G. FICHTE liefert im nachhinein gleichsam eine Bestätigung für die Zuordnung seiner Darstellungsform zur «Philosophie des W.», indem er den W. als dasjenige Vermögen faßt, das im Unterschied zur «methodischen Mittheilung» des diskursiven Arguments «die Mittheilung der tiefen, d.h. der in der Region der Ideen liegenden Wahrheit, in ihrer unmittelbaren Anschaulichkeit» ermöglicht [62]. Damit rückt der W. bei Fichte in die Nähe des Vermögens der intellektuellen Anschauung. Im Unterschied zu diesem «positiven W.» nennt Fichte den «negativen W.» als «Quelle des Lächerlichen» (s.d.) und spricht damit die Verbindung zwischen W. und Scherz an [63]. So auch C. G. CARUS, der W. als «ein geistiges Vermögen» bestimmt, das «unter Mitwirkung der Phantasie», wie es in Anlehnung an Jean Paul heißt, «unerwartete Ähnlichkeiten verschiedener Vorstellungen, Begriffe oder Begehrungen» zusammenfasse, «und zwar in der Richtung gegen das Lächerliche» [64].
Bedingt wohl auch durch die von J. F. HERBART eingeleitete prinzipielle Kritik an der Vermögenslehre, setzt sich in der Folgezeit der Sprachgebrauch von ‹W.› im Sinne von ‹Scherz› allmählich auf ganzer Linie durch. Zwar anerkennt noch H. VON HELMHOLTZ den heuristischen Wert des W. für die Naturforschung [65], ansonsten geht dieses Thema aber – ohne Nennung des Ausdrucks ‹W.› – in psychologische Theorien der Kreativität und inmethodologische Überlegungen zur Bedeutung von Analogien und Hypothesenbildung ein. So bestimmt W. WUNDT das «erfinderische Talent» als «induktive Anlage im Verein mit der kombinierenden Phantasie» [66]. E. MACH betont in ‹Die Ähnlichkeit und die Analogie als Leitmotiv der Forschung› die Bedeutung der Fähigkeit, «in weit Abliegendem noch Gemeinsames» [67] zu entdecken, und noch K. R. POPPER und I. LAKATOS appellieren mit ihrer Forderung nach «kühner» Hypothesenbildung der Sache nach an die inventive Kraft des W. [68]. Wo im 20. Jh. überhaupt noch von ‹W.› in einem relevanten philosophischen Sinne die Rede ist, ist die Pointe einer kategorialen Unterscheidung gemeint. In diesem Sinne spricht L. WITTGENSTEIN von «grammatischem W.» [69] und meint sogar, daß ein gutes philosophisches Werk vollständig aus W.en bestehen könne, ohne scherzhaft zu sein [70].
Im Spannungsfeld zwischen Logik und Rhetorik stellt sich die verschlungene Geschichte des Begriffs ‹W.› (im Vergleich mit derjenigen von ‹Scharfsinn›) als ein Lehrstück in der andauernden Auseinandersetzung zwischen ästhetischer und wissenschaftlicher Weltauffassung dar. In Verbindung mit einer Analyse der Erkenntnisleistungen des W. in Metapher, Wortspiel, Rätsel, Beispiel, Sprichwort, Induktion u.a. könnte deutlich werden, daß eine Lösung dieses Konflikts in einer Komplementarität von analogischem und logischem Denken zu finden ist [71].

Anmerkungen
 
[1] Vgl. Art. ‹Witz›. GRIMM 14/II (1960) 861–888.
 
[2] E. DU BOIS-REYMOND: Grenzen der Naturerkenntnis (1873, 121916) 28.
 
[3] Vgl. dazu im einzelnen: L. RÖHRICH: Der W. Figuren, Formen, Funktionen (1977); zur antiken Vorgeschichte vgl. auch: Art. ‹Lächerliche (das)›. Hist. Wb. Philos. 5 (1980) 1–8; zur antiken Terminologie: G. LUCK: Art. ‹Humor›. RAC 16, 753–773, 753–757.
 
[4] G. F. MEIER: Gedancken von Schertzen § 21 (1744), in: Frühe Schr. zur ästhet. Erziehung der Deutschen, hg. H.-J. KERTSCHER/G. SCHENK 1 (1999) 71–105, 83.
 
[5] Vgl. Art. ‹Invention; Erfindung; Entdeckung›. Hist. Wb. Philos. 4 (1976) 544–574, bes. 548–552.
 
[6] Vgl. Art. ‹ingenuity›. The Oxford Engl. dict. 7 (1989) 958; C. S. LEWIS: Studies in words (Cambridge 21967) 86–110, 94ff.
 
[7] Vgl. Art. ‹Einbildung; Einbildungskraft›. Hist. Wb. Philos. 2 (1972) 346–358.
 
[8] TH. HOBBES: Human nature 10, § 4 [1640] (1650). The Engl. works, hg. W. MOLESWORTH (1839–45, ND 1994) 4, 55f.
 
[9] Leviathan I, 8 (1651), a.O. 3, 56ff.
 
[10] a.O. 60.
 
[11] Vgl. QUINTILIAN: Instit. orat. VIII, 3, 56; X, 1, 130.
 
[12] TH. HOBBES: Conc. the virtues of an heroic poem [Einl. zu: The Iliads and Odysses of Homer], a.O. [8] 10, V.
 
[13] J. LOCKE: An ess. conc. human underst. II, 11, § 2 (1689). Works (London 1823, ND 1963) 1, 145.
 
[14] III, 10, § 34, a.O. 2, 288f.
 
[15] A. POPE: An ess. on criticism (London 1711) v. 82f.
 
[16] CH. WOLFF: Vernünfftige Gedancken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen [Dtsch. Metaphysik] § 366 (1720, 111751). Ges. Werke I/2 (1983) 223.
 
[17] §§ 858ff., a.O. 532f.
 
[18] A. G. BAUMGARTEN: Metaphysica §§ 572f. (1739, 71779, ND 1982) 203ff.
 
[19] WOLFF: Dtsch. Met. § 861, a.O. [16] 533f.
 
[20] J. CH. GOTTSCHED: Versuch einer Critischen Dichtkunst (41751) 102.
 
[21] a.O. 351; ferner: a.O. 102f.
 
[22] a.O.
 
[23] CH. WERNICKE: Epigramme (1697), hg. R. PECHEL (1909) 260f.
 
[24] D. BOUHOURS: Entretiens d'Ariste et d'Eugène (1671), hg. R. RADOUANT (Paris 1920) 180f.
 
[25] WERNICKE, a.O. [23] 145.
 
[26] CH. THOMASIUS: Von Nachahmung der Franzosen (1687, 1701), hg. A. SAUER (1894) 7.
 
[27] a.O. 31.
 
[28] So in der Anm. zum Art. ‹Bouhours› in der dtsch. Ausg. von P. BAYLES ‹Dictionnaire›: Hist. und Crit. Wörterbuch, übers. J. CH. GOTTSCHED 1 (1741, ND 1997) 645 A.
 
[29] a.O. 645 B.
 
[30] J. CH. GOTTSCHED: Das Neueste aus der anmuthigen Gelehrsamkeit 10 (1760) 674.
 
[31] F. G. KLOPSTOCK: Von der heiligen Poesie (1760). Sämtl. Werke 10 (1855) 226.
 
[32] a.O.
 
[33] G. E. LESSING: Hamburg. Dramaturgie, 30. Stück (1767–69). Sämtl. Schr., hg. K. LACHMANN/F. MUNCKER (1886–1924, ND 1968) 9, 307ff., hier: 308.
 
[34] a.O. 309; zu Lessings letztlich ambivalenter Einstellung zum W. vgl. J. SCHMIDT: Die Gesch. des Genie-Gedankens in der dtsch. Lit., Philos. und Politik: 1750–1945 1 (1985) 87ff.
 
[35] In den mit F. SCHILLER entworfenen Übersichten ‹Über den Dilettantismus› (1797), in: J. W. GOETHE: Werke. Sophien-Ausg. I/47 (1896) 314.
 
[36] F. SCHILLER: [Deutsche Grösse] [1801?]. Werke. Nat.ausg. (1943ff.) 2/I, 434.
 
[37] I. KANT: Anthropol. in pragmat. Hinsicht § 44 (1798, 21800). Akad.-A. 7, 201; vgl. auch: Art. ‹Urteil, vorläufiges›. Hist. Wb. Philos. 11 (2001) 473–479.
 
[38] a.O.
 
[39] Vgl. G. GABRIEL: Der ‘W.’ der reflektierenden Urteilskraft, in F. RODI (Hg.): Urteilskraft und Heuristik in den Wiss.en (2003) 197–210.
 
[40] KANT: Anthr. § 55, a.O. [37] 221.
 
[41] a.O.
 
[42] § 46, a.O. 204.
 
[43] § 55, a.O. 221.
 
[44] F. SCHLEGEL: Fragm. zur Lit. und Poesie, Erster Teil, Nr. 787 [1797]. Krit. Ausg. 16, hg. H. EICHNER (1981) 153.
 
[45] So G. CH. LICHTENBERG: Sudelbücher J 1620 [1791]. Schr. und Briefe, hg. W. PROMIES 2
(21975) 297.
 
[46] NOVALIS: Das Allg. Brouillon, Nr. 732 [1798]. Schr., hg. P. KLUCKHOHN/R. SAMUEL 3 (31983) 410.
 
[47] JEAN PAUL: Vorschule der Aesthetik II, 9, § 44 (1804). Werke, hg. N. MILLER 5 (41980) 173; vgl. bes. §§ 42ff., a.O. 169ff.; Art. ‹Humor›. Hist. Wb. Philos. 3 (1974) 1232–1234.
 
[48] Zum begriffsgeschichtl. Zusammenhang zwischen Pointe und W. vgl. R. MÜLLER: Theorie der Pointe (2003) bes. 66–80.
 
[49] Vgl. K. FISCHER: Ueber die Entstehung und die Entwicklungsformen des W. (1871) 31ff.; (21889, ND 1996) 44ff.; Art. ‹Komische (das); Lachen (das)›. Hist. Wb. Philos. 4 (1976) 889–893.
 
[50] S. FREUD: Der W. und seine Beziehung zum Unbewußten (1905). Ges. Werke, hg. A. FREUD u.a. 6 (71987) 105; kritisch zu dieser Engführung vgl. W. PREISENDANZ: Über den W. (1970) 16.
 
[51] a.O. 150f.
 
[52] 203.
 
[53] 7.
 
[54] 203.
 
[55] Vgl. Art. ‹Verworrenheit›. Hist. Wb. Philos. 11 (2001) 1014–1020.
 
[56] J. F. FRIES: Reinhold, Fichte und Schelling (1803, 21824). Sämtl. Schr., hg. G. KÖNIG/L. GELDSETZER (1967ff.) 24, 361f.
 
[57] System der Logik (1811, 31837), a.O. 7, 434.
 
[58] a.O.
 
[59] G. W. F. HEGEL: Vorles. über die Ästhetik 1 [1817/18ff.]. Jub.ausg., hg. H. GLOCKNER (1927–40) 12, 396.
 
[60] J. F. FRIES: Handbuch der Psychischen Anthropologie oder der Lehre von der Natur des menschlichen Geistes 1 (21837), a.O. [56] 1, 192.
 
[61] a.O. [57].
 
[62] J. G. FICHTE: Die Grundzüge des gegenwärt. Zeitalters (1804/05). Akad.-A. I/8 (1991) 250f.
 
[63] a.O. 251.
 
[64] C. G. CARUS: Vorles. über Psychol. [1829/30] (1831, ND 1958) 436; vgl. JEAN PAUL: Vorschule ... § 43, a.O. [47] 171ff.
 
[65] H. VON HELMHOLTZ: Das Denken in der Medicin (1877), in: Vorträge und Reden 2 (41896) 165–190, 184f.; Ueber das Streben nach Popularisirung der Wiss. (1874), a.O. 422–434, 431.
 
[66] W. WUNDT: Grundzüge der physiolog. Psychol. 3 (1873/74, 61911) 611.
 
[67] E. MACH: Erkenntnis und Irrtum (1905, 31917) 220–231, hier: 224.
 
[68] Vgl. Art. ‹Verwegenheit; Kühnheit III.›. Hist. Wb. Philos. 11 (2001) 1000–1002.
 
[69] L. WITTGENSTEIN: Philos. Unters. I, § 111 [1935–45]. Schr. 1 (1960) 343.
 
[70] Nach N. MALCOLM: Ludwig Wittgenstein. A memoir (Oxford 1978) 29.
 
[71] Vgl. G. GABRIEL: Logik und Rhetorik der Erkenntnis (1997).

Literaturhinweise
 
A. BAEUMLER: Das Irrationalitätsproblemin der Ästhetik und Logik des 18. Jh. bis zur Kritik der Urteilskraft (1923, 21967, ND 1974). – P. BÖCKMANN: Das Formprinzip des W. in der Frühzeit der dtsch. Aufklärung. Jb. des Freien Dtsch. Hochstifts (1932/33) 52–130; ND, in: Formgesch. der deutschen Dichtung 1 (1949, 31967) 471–552. – W. SCHMIDT-HIDDING (Hg.): Europ. Schlüsselwörter 1: Humor und W. (1963). – J. NEUBAUER: Symbolismus und symbol. Logik (1978). – O. F. BEST: Der W. als Erkenntniskraft und Formprinzip (1989).

G. GABRIEL

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